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Canon EOS R – Praxisbericht über Canons erste spiegellose Vollformatkamera

Mit der ersten spiegellosen Vollformatkamera    EOS R aus dem Hause Canon wurde gleichzeitig ein neues RF-Objektivbajonett mit 12-poligem Anschluss auf den Markt gebracht: Ein schnellerer Autofokus, über 5000 wählbare AF-Positionen, Schwenkdisplay, hochauflösender elektronischer Sucher und 30 Megapixel machen neugierig, wie sich die Kamera in der Praxis bewährt. Hier berichte ich über meine Erfahrungen mit dieser Kamera.

 

Vollformat und ohne Spiegel: Natürlich weckt diese Kombination verstärktes Interesse bei Fotografen. Ein spiegelloses System mit elektronischem Sucher hat zweifellos einige Vorteile gegenüber der herkömmlichen Spiegelreflexkamera. Mit dem Einstieg in die Welt der spiegellosen Vollformatigen stellt sich ganz allgemein auch die Frage, wie die Entwicklung der Fotoindustrie voranschreiten wird. Meines Erachtens wurde damit (nicht nur bei Canon) eine grundlegende Weichenstellung für die Zukunft vollzogen: Eine parallele Weiterentwicklung sowohl für SLR-Kameras als auch für spiegellose Systeme dürfte auf Dauer wohl zu teuer und damit unwirtschaftlich sein. Daher gehe ich davon aus, dass sich wirkliche Innovationen mittel- bis langfristig auf den Bereich der spiegellosen Kameras konzentrieren werden mit weitreichenden Konsequenzen für die DSLR-Systeme bezüglich Objektiv-Neuerscheinungen, Marktwert von Gebrauchtware, Support etc.

 

Alles in allem gute Gründe, sich mit zukünftigen Entwicklungen vertraut zu machen und „die Neue“ von Canon zu prüfen, inwieweit sie den Anforderungen eines Naturfotografen gerecht wird.

 

Der fehlende Spiegel führt zu grundlegenden Änderungen in der Bauweise: Objektivbajonett und Sensor rücken näher zusammen. Das Auflagemaß beträgt nur noch 20 mm und das neue RF Bajonett hat einen Durchmesser von 54 mm. Dem gesteigerten Kommunikationsbedarf zwischen Kamera und Objektiv wird mit 12 Kontakten im Bajonett Rechnung getragen. Das erlaubt einen schnelleren Datenaustausch als bisher und hält noch Reserven für die Zukunft bereit. Ohne Spiegel lässt sich eine schlankere Bauweise realisieren, dementsprechend bringt die EOS R mit Akku und Karte nur rund 660 g auf die Waage und ist etwas kleiner als z.B. die 5D Mark IV. Der Griff ist gut ausgeformt und gewährleistet einen sicheren Halt. Bei der EOS R sind manche Bedienelemente auf der Oberseite jedoch nur mit Umgreifen und etwas Fingerakrobatik zu erreichen. Zum schnellen Bedienen der Elemente/Tasten ist letztlich eine zweite Hand zum Halten der Kamera erforderlich. Von der Ergonomie liegt mir persönlich die 5D Mark IV besser. Jede Taste oder der Joystick befinden sich hier exakt an optimaler Position und lassen bei festem Griff trotzdem eine echte und schnelle Einhandbedienung zu. Einer Verkleinerung der Kameras stehe ich daher etwas skeptisch gegenüber (Frauen mit kleineren Händen mögen hier vielleicht anderer Ansicht sein). Gerade auch im Winter, wenn man mit Handschuhen arbeiten muss, ist eine größere Kamera leichter zu halten.

 

Bei meinen Fototouren bin ich nicht zimperlich, was ich aushalte, muss auch in weiten Grenzen meine Fotoausrüstung herhalten. Dementsprechend wurde die EOS R im Regen wie auch bei Schnee und deutlichen Minusgraden eingesetzt und wie nicht anders von Canon erwartet, hat sich die EOS R hier keine Blöße gegeben. Die Kamera ist super verarbeitet und hat meine Einsätze problemlos überstanden. Canon bezeichnet die Kamera als staub- und spritzwassergeschützt, ins Wasser legen oder längere Zeit in feuchter Umgebung lagern sollte man sie daher natürlich nicht.

Das dreh- und schwenkbare Touchdisplay der Canon EOS R wird nicht nur Makrofans erfreuen: Bodennaher Einsatz der Kamera mit optimalen Blickwinkel auf das Display erleichtert die Arbeit deutlich. Der 3,2 Zoll große und helle Monitor liefert mit 2,1 Mio. Bildpunkten ein klares und deutliches Bild. Etwas störend empfinde ich den sensiblen Suchersensor bei ausgeklapptem Display. Kommt man im Zuge der Kamerabedienung mit der Hand in die Nähe des Sensors wird der Monitor schwarz und stellt auf den elektronischen Sucher um. Dies lässt sich momentan im Menü leider nicht abstellen. Über den Touchscreen lässt sich außerdem jeder Menüpunkt anwählen und zudem der Autofokuspunkt verschieben, sogar beim Blick durch den Sucher. Das erfordert allerdings etwas Übung um den Punkt exakt dort zu positionieren, wo man ihn haben möchte. Mit Winterhandschuhen (zugegeben ein Sonderfall, aber mich faszinieren Fotos mit Winteratmosphäre schon immer) wünscht man sich zwangsläufig eine weitere Möglichkeit zum Versetzen des Autofokus. Einen Joystick sucht man bei der EOS R leider vergeblich. Was Canon dazu bewogen hat den Rückschritt zu den Richtungstasten zu unternehmen, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Die Bedienung der Kamera wird dadurch umständlicher und ist für diese Preisklasse (Einstiegspreis rund 2500 Euro) nicht zeitgemäß. Der elektronische Sucher mit 0,76-facher Vergrößerung hat eine Bildwiederholfrequenz von wahlweise 30 oder 60 Bildern pro Sekunde. Für die meisten Fälle ist dies ausreichend, bei schnell bewegten Motiven und Actionszenen liefert der klassische optische Sucher einer DSLR dagegen noch ein besseres weil ruckelfreies Bild. Wie bei allen elektronischen Kameras muss auch die EOS R angeschaltet sein, um überhaupt etwas sehen zu können. Will man Tiere nur beobachten (weil sie ruhen etc.) kann dies z.B. nicht im akkuschonenden Standby-Betrieb einer DSLR-Kamera erfolgen.

Der elektronische Sucher bietet dafür den Vorteil der automatisch angepassten Helligkeit, was für Fotos in der Dämmerung sehr hilfreich ist. Zusätzlich kann man sich Live-Histogramm, elektronische Wasserwaage und die wichtigsten Belichtungsparameter einblenden lassen. Schwenkt man ins Hochformat, schwenkt auch die Anzeige mit und erleichtert so die Betrachtung. Verändert man Weißabgleich oder Belichtung, wird auch dies im Sucher sofort angezeigt.

Für den Einstieg in das spiegellose System hätte ich mir von Canon gewünscht, dass die Kamera mit einem leistungsfähigen, internen Bildstabilisator ausgestattet wird. Canon hat sich leider dagegen entschieden und setzt nach wie vor lediglich auf den Bildstabilisator im Objektiv (sofern vorhanden). Zusätzliche Belichtungsreserven, evtl. geringere ISO-Werte oder Verzicht auf ein Stativ sind damit leider vom Tisch. Beim Betrieb der EOS R wird der Bildstabilisator des Objektivs aktiviert und ist permanent in Betrieb. Damit unterbleibt das ständige „Hüpfen“ des Bildes beim Fokussieren und bietet ein angenehmeres Sehen. Wie sich der Permanentbetrieb auf die Lebensdauer des IS-Objektivsystems auswirkt, bleibt abzuwarten.

 

Bei der EOS R wurde lediglich ein SD-Kartenschacht (UHS-II kompatibel) verbaut. Als Überlauf oder kamerainterne Sicherungsmöglichkeit habe ich bei z.B. mehrtägigen Bergtouren den zweiten Slot in der 5D IV sehr schätzen gelernt. Canon ermöglicht dafür jetzt eine Übertragung der Dateien in voller Auflösung direkt auf das Smartphone.

 

Durch das geringere Auflagemaß der EOS R ändert sich auch die Bauweise für die neuen RF-Objektive. EF- und EF-S-Objektive können über spezielle Adapter an die EOS R angeschlossen werden und behalten damit ihre Funktionen. Hier gibt es verschiedene Varianten, wobei der Adapter mit Einstellring (z.B. für Blende, Verschlusszeit oder ISO) bzw. der Adapter mit intergriertem Pol-bzw. ND-Filter besonders interessant sind. Die vier neuen RF-Objektive besitzen ebenfalls einen zusätzlichen Einstellring, der mit verschiedenen Funktionen belegt werden kann. Die EOS R bietet also auch hier reichlich Möglichkeiten, individuelle Bedürfnisse beim Handling mit einfließen zu lassen.

Der 35mm Vollformat-CMOS-Sensor mit 30,3 Megapixel liefert detailreiche Fotos. Schaltet man die Kamera aus, wird er von einem Verschluss geschützt. Canon empfiehlt nach dem Ausschalten eine Objektivkappe anzubringen, damit der Verschluss nicht durch Sonnenlicht beschädigt werden kann. Der Sensor liefert in Bezug auf Dynamik und Rauschverhalten fast ähnlich hochwertige Bildergebnisse wie bei der 5D Mark IV, nun aber im neuen CR3-RAW-Format (JPEG ist natürlich ebenso möglich). Dunkelbilder treten zwischen den Aufnahmen nicht auf, was die Verfolgung von Tieren deutlich erleichtert und einen klaren Vorteil gegenüber DSLR-Kameras darstellt. Mit 8 B/s (ohne AF-Nachführung) bzw. 5 B/s (mit AF-Nachführung) ist die EOS R nicht die schnellste Kamera, dürfte für die Zwecke der meisten Fotografen jedoch flott genug sein. Der Dual-Pixel-Autofokus arbeitet mit den angebotenen RF-Objektiven in der Tat sehr schnell und die low-light-Fähigkeit der Kamera ist beeindruckend. Bei Verwendung des Adapters in Verbindung mit langbrennweitigen EF-Objektiven ist der Autofokus etwas langsamer. In der Regel sitzt der Autofokus präzise, sogar bei dichterem Schneetreiben sind die Ergebnisse erfreulich. Bei schnell bewegten Motiven ist die Schärfe-Nachführung einer Profi-DSLR aber noch besser als bei der EOS R. Bei Verwendung des RF-Adapters und des 2-fach-Konverters in Verbindung mit einer 400er Festbrennweite kam es bei mir in sehr seltenen Fällen dazu, dass der Autofokus ins Unscharfe läuft und dort stoppt. Im unteren Brennweitenbereich ist mir das bisher nicht aufgefallen

 

Die Tasten und Schalter der EOS R lassen sich vielfältig belegen. Neu hinzugekommen ist die M-FN-Leiste rechts neben dem Sucher. Wie die übrigen Tasten kann auch diese Leiste individuell belegt werden und per Tippen und Wischen wählt man die einzelnen Funktionen. Dabei erfolgt allerdings keine fühlbare Rückmeldung und die präzise Einstellung gelingt nicht immer auf Anhieb. Bisweilen habe ich diese Funktion im Betrieb auch ungewollt berührt und verstellt. Um das zu verhindern, kann man die Leiste sperren. Statt dem klassischen Programmwählrad hat die EOS R einen im Daumenrad integrierten Modusknopf, mit dem man das Programm ansteuert. Links oben befindet sich daher nur noch der Ein-/Ausschalter in Form eines Rades. Den bisherigen Hebel zum Einschalten finde ich griffiger. Die Bedienweise der EOS R ist nicht identisch mit der 5er Serie, prinzipiell findet man sich als Canon-User aber schnell zurecht und die Tastenbelegung lässt sich nach persönlichen Vorlieben weitgehend frei konfigurieren.

 

Die EOS R verwendet den LP-E6N-Akku, was die Kamerabesitzer der 5er-/6er- und 7er-Serie freuen wird, da sie ihre Akkus auch in der neuen Kamera verwenden können. Laut Canon sollen damit 370 Aufnahmen (Standard-Verfahren) möglich sein, in der Praxis sind es aber deutlich mehr.

 

Die Videofunktion habe ich nicht getestet. Ähnlich wie bei der 5DIV besteht aber auch hier die Möglichkeit, aus den 4K-Videos Einzelbilder mit 8,3 Megapixel zu extrahieren. Dies entspricht einem Serienbildmodus von bis zu 30 Bildern pro Sekunde. Der Cropfaktor eines 4K-Videos beträgt 1,7.

 

FAZIT

Die Canon EOS R ist eine solide Kamera, die hochwertig verarbeitet ist und ausgezeichnete Fotos macht. Die Bildqualität ist hinsichtlich Dynamik, Detailtreue und Rauschverhalten auf einem hohen Niveau. Das dreh- und schwenkbare Display der Kamera wird nicht nur Makrofotografen erfreuen und der hervorragende elektronische Sucher liefert ein klares und detailreiches Bild. Auf eine interne Bildstabilisierung, einen Joystick oder eine zweiten Kartenslot muss man bei dieser Kamera allerdings verzichten und bei schnell bewegten Motiven könnte der Autofokus noch präziser reagieren. Ein zusätzliches Einstellrad an den neuen Objektiven bzw. am RF Adapter sowie die vielen individuell belegbaren Tasten an der Kamera erlauben eine weitgehende Anpassung der Bedienung an die persönlichen Bedürfnisse des Fotografen.

Steckbrief zur Canon EOS R:  

Preis derzeit rund 2500 Euro

-         Sensorgröße                            36 x 24 mm (30,3 Megapixel)

-         Isobereich                                100 – 40000, erweiterbar auf 50 - 102400

-         Abmessungen (HxBxT)          ca. 98 x 136 x 84 mm

-         Gewicht                                    580 g (ohne Akku/Karte)

-         Akkureichweite: 370 Aufnahmen (Standard-Verfahren)

-         Sucher: 0,5 Zoll OLED elektronischer Farbsucher (3,69 Mio Bildpunkte, 100 % Bildfeld-Abdeckung)

-         3,1 Zoll Display (2,1 Mio Bildpunkte, 100 % Abdeckung) mit 5655 AF-Positionen (Abdeckung: 88% Breite, 100% Länge)

-         8 B/s Reihenaufnahmen ohne AF-Nachführung (max. 100 JPEG bzw. 47 RAW)

-         5 B/s Reihenaufnahmen mit AF-Nachführung

-         bis 6 LW Low-Light AF

-         Dual-Pixel CMOS AF (Gesichtserkennung- und Nachführ-AF)

-         AF-System/-Messfelder: 88% horizontale und 100 % vertikale Abdeckung

-         RF-Bajonett mit 12-poligem Anschluss, Bajonettdurchmesser von 54 mm, Auflagemaß von 20 mm,  konfigurierbarer Steuerring der RF-Objektive (wahlweise ISO, Blende, Verschlusszeit oder Belichtungskorrektur)

-         1 Kartenslot (1 SD-Karte UHS-II kompatibel)

-         WLAN, Bluetooth

-         HDR, Mehrfachbelichtungen, Dual-Pixel-Raw

-         4k-Video bis 30p, Full-HD bis 60p, HD bis120p, HDR-Video

-         Anschlüsse: E3-Schnittstelle (Fernauslöser), Mikrofonbuchse‚ Kopfhöreranschluss (Miniklinke

       Stereo), HDMI-out, USB 3.1 USB C Schnittstelle