Whale-watching in Norwegen (Sto, Vesterålen)

Pünktlich um 8 Uhr 40 stehen wir bei Arctic Whale Tours, tja, und da stehen wir erst mal in der Schlange. Vor uns sind jede Menge Leute, die schon angemeldet sind und sich ihr Ticket für die Waltour kaufen. Wir wissen nicht mal, ob wir noch mit auf das Schiff kommen. Bereits gestern waren wir hier, um wegen der Tour nachzufragen, doch angeblich ist die Tour ausgebucht. Springt jemand ab, können wir aber noch mitfahren. Nachdem wir schon so weit in den Norden gekommen sind, wollen wir unser Glück auf jeden Fall versuchen, wer weiß, wie oft wir noch dazu Gelegenheit bekommen. Bis kurz vor 9 Uhr 20 müssen wir noch warten, aber dann haben wir glücklicherweise unser Ticket in der Tasche!! Satte 2240 NOK (ca. 280 €) kostet der Spaß für uns Vier, aber einmal wollen wir die Wale sehen. Das Wetter ist auch nicht so überragend, auf See ist es noch schön, aber vom Festland zieht es zu. In Windeseile packen wir unsere 7 Sachen und dann geht´s auf das Schiff. 

Unter Deck ist alles gerappelt voll. Zuerst gibt es eine kurze Sicherheitseinweisung vom Kapitän, ein Seemann wie er im Buche steht mit dichtem Rauschebart und wettergegerbtem Gesicht. Er erklärt uns auch, welche Wale wir sehen können, die Lebensweise etc.

Es sind kaum 5 Minuten vergangen, als die ersten Leute bereits seekrank werden. Die Schaukelei des Schiffes hat deutlich zugenommen, sobald wir den Hafen verlassen haben. Den Leuten geht es wirklich schlecht, es müssen Sitze geräumt werden, damit sie sich hinlegen können. Alleine das Zuschauen ist schon unangenehm, unwillkürlich fühlt man mit. Meine Frau und ich haben schon gewitzelt, als wir noch in der Schlange bei der Anmeldung standen und den Leuten vor uns zugesehen haben, wie sich jeder nach dem Bezahlen aus einem großen Korb am Tresen wie selbstverständlich eine Tablette gegen Seekrankheit genommen und gegessen hat. Wir waren uns nicht sicher und haben vorsichtshalber nur mal welche mitgenommen, aber nicht gegessen. Bei den drei von der Seekrankheit betroffenen Leuten ist diese Tablette jedoch offensichtlich nicht wirksam genug, sie sind kaum noch ansprechbar und leiden vor sich hin.

Zuerst kommen wir am Vogelfelsen vorbei, wo es ein paar Papageientaucher, Skuas, Kormorane, Seehunde und sogar einen Seeadler zu sehen gibt. Meine Versuche, den Seeadler ordentlich zu photographieren, scheitern weitestgehend. Der Wellengang bringt das Schiff so stark zum Schaukeln, dass ich mich an der Reling mit dem Fuß verhaken muss, um nicht umzufallen. Den Seeadler im Sucher zu finden, zu verfolgen und den Focus richtig hinzubekommen, ist alles andere als einfach, das Ergebnis ein „qualitativ hochwertiges Pixelrauschen“…:-(  Fängt ja gut an! Das Licht ist mittlerweile eher schlecht, die Wolkenfront vom Festland zieht eindeutig Richtung See und ist bedeutend schneller als unser Schiff… Vom Land ist kaum noch etwas zu sehen, so dicht geht dort der Regen herunter.

 

Nach dem Vogelfelsen, der übrigens nicht betreten werden darf, geht es mit Vollgas ins Walgebiet. Der Wellengang ist inzwischen ziemlich heftig, man kann nicht mehr Stehen ohne sich auszupendeln. Die Seekrankheit fordert immer mehr Opfer, die ersten Tüten werden gefüllt und immer mehr Sitzreihen werden mit liegenden Schwerstbetroffenen belegt. Im Schiff ist die Luft ziemlich schlecht, die vordere Luke musste wegen dem einsetzenden Regen geschlossen werden und deswegen besteht kein Luftzug mehr. Draußen ist es kaum auszuhalten, der Wind ist ziemlich stark und der Regen tut sein übriges. Daher ist der Bootseingang am Heck sehr begehrt und immer dicht belegt. Nach langen, langen 2,5 Stunden sind wir dann endlich im Walgebiet. Inzwischen hat uns die Regenfront vollständig überholt, pausenlos Regen, dazu Wind und als absolute Krönung noch Nebel, z.T. ist die Sichtweite unter 100 Meter. Sollten aufgrund der schlechten Sicht keine Wale gefunden werden, hätten wir zwar das Anrecht auf eine weitere, kostenlose Tour (Walgarantie), aber wir wollten uns heute eigentlich langsam auf den 'Heimweg machen. Ich hadere etwas mit dem Schicksal, gestern war das beste Wetter und heute dieser Wettersturz, wo man nicht mal den Hund vor die Türe jagt.

Schließlich heißt es doch: „Wal gesichtet!“ Ein großer Pottwal ist in der Nähe. Also „alle Mann an Deck“, aber einigen geht es so schlecht, dass sie einfach liegen bleiben. n. An Deck ist was geboten: peitschender Regen, wilde Schaukelei, alle drängen sich am Bug und suchen das Meer nach dem Wal ab. Wie Neptun persönlich steht der Kapitän auf einer Erhöhung am Bug und man sieht deutlich, er ist in seinem Element, den Regen und die Schaukelei scheint er gar nicht wahrzunehmen. Für uns Landratten ist es jedoch ziemlich heftig. Ich versuche mich an der MISSION IMPOSSIBLE: Es gießt aus Kübeln, es schaukelt wie die wilde Dreizehn, ich habe schlechten Stand, und der Autofocus arbeitet bei diesem Einheitsgrau nur noch schlecht. Eigentlich kann das nichts werden! Endlich taucht der Pottwal auf und die Fluke ist zu sehen. Danach schnell wieder rein, alles patschnass. Kurze Zeit später wieder Wal-Alarm, wir sehen den Walblas, das Ausstoßen der Luft und die dabei entstehende Wasserfontäne, aber diesmal taucht er ohne die Fluke zu zeigen. Kurze Zeit später beobachten wir noch einen dritten Tauchgang, bei dem die Fluke schön zu sehen ist.

 

 

Der Kapitän erklärt ein paar Dinge, sorgt dafür, dass alle Kinder nach vorne an die Reling können, um genügend zu sehen. Der Kapitän betont auch, dass der Wal in keinster Weise von uns gestört wird und völlig ruhig ist (will hoffen, dass es auch stimmt). Tja, das war´s also mit dem „whale-watching“. Schöne und erhabene Tiere, aber irgendwie ein kurzes Vergnügen und bei dem Wetter und Wellengang relativ ungemütlich. Die „Atmosphäre“ hat sich daher nicht so recht bei mir eingestellt. Den Umständen entsprechend habe ich den Wal aber gut erwischt. Die überall verteilten Spuktüten haben einigermaßen ihren Dienst verrichtet, wenn auch bei mir zweckentfremdet, da ich sie mit einem Loch versehen als Regenschutz für Objektiv und Kamera eingesetzt habe.

Nachdem der Wal abgetaucht ist, geht es mit Höchstgeschwindigkeit zurück und die Leute verziehen sich unter Deck. Innerhalb kürzester Zeit ist die schlechte Luft dort noch schlechter. Ich versuche, meine Kamera und das Objektiv vor dem Wassertod zu retten und trockne sie ab, aber allein die immens hohe Luftfeuchtigkeit… Alle Leute sind nass und dünsten auf engstem Raum vor sich hin…

Die Heimfahrt ist schlimm, wirklich schlimm! Die Seekrankheit fordert immer mehr Opfer, schätzungsweise 50 % aller Leute haben schwere Symptome, ca. ein Drittel der Gäste füllen eine Tüte. Unter Deck sieht es chaotisch aus, kreuz und quer sitzen bzw. liegen die Leute (Ich habe dort ein Photo gemacht, aber zeige es hier lieber nicht, wenngleich es die Situation sehr anschaulich verdeutlichen würde).

Die Situation ist wirklich grotesk, über und unter Deck müssen sich die Leute übergeben, es werden vom Bootspersonal fleißig Tüten verteilt. Ich gewinne fast den Eindruck, dass dies auf diesen Touren vollkommen normal ist, schlichtweg Routine. Zumindest sehe ich beim Personal keinen einzigen überraschten Blick, bei dieser Vielzahl an „Tütenfüllern“, „Über-der-Reling-Hängenden“ und „Vorsichtshalber-Tütenträgern“. Als dann noch vom Bordpersonal ein Süppchen verteilt wird, sind auch wieder einige dabei, die damit (buchstäblich) die Fische füttern. Ich bin zwar ziemlich fit, aber die Suppe traue ich mir nicht zu, obwohl etwas Warmes nicht schlecht wäre. Die 2 Stunden zum Hafen zurück fühlen sich wie eine Ewigkeit an. Endlich ist der Hafen zu sehen!!

Sobald wir wieder festen Boden unter den Füßen haben,  wärmen wir uns im Hafengebäude erst mal auf. Schließlich treten wir die Rückfahrt in den Süden an bei Dauerregen.

Man, das hat sich ja gelohnt, gute 5 Stunden heftige Schaukelei zum Schnäppchenpreis von 280 Euro und das letzte Dreckswetter unterwegs (dass es so mies wird, war morgens nicht zu erahnen). Man kann es auch positiv sehen: Wir haben Wale gesehen und müssen nicht nochmal raus… Was für ein Wahnsinn, und das noch freiwillig!

Ach ja, als wir abends im Zelt lagen, hatten wir alle kurzzeitig das Gefühl, der Boden schwankt…

… und als ich am nächsten Tag gerade eine vorbeiziehende Rentierherde photographieren wollte, zieht plötzlich immer stärkerer Nebel auf, so dass ich plötzlich fast nichts mehr sehen kann!! Nee, doch kein Nebel, die Sonne scheint ja, aber das Objektiv beschlägt innen!! Worst case! All das Trocknen hat nichts genützt, Mist! Ich nehme das Objektiv von der Kamera ab und lasse es von der Sonne aufheizen. Nach 10 Minuten ist der „Nebel“ im Objektiv weg…

 

… und die Rentierherde natürlich auch!

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