Praxisbericht Canon 5D Mark IV - Canons Kamera für Naturfotografen?!

 

Canon hat mit der 5D Mark IV einige interessante Neuerungen geliefert, die im Vergleich zum Vorgängermodell eine Neuanschaffung überlegenswert machen. 30,4 Megapixel, deutlich erweiterter Dynamikumfang, Touchdisplay und verbesserter Autofokus, um nur ein paar der wichtigsten Punkte herauszugreifen, machen die 5D Mark IV sehr attraktiv. Gerade diese Kamera könnte zu Canons heimlichen Favoriten für Naturfotografen avancieren.

 Von Canon wurde die Kamera mit dem Dual Pixel-Autofokus und dem Dual Pixel Raw-Format intensiv beworben. Als Fotograf stellt sich die Frage, was bringt das neue Modell tatsächlich an Verbesserungen und sind die Investitionen gerechtfertigt? Die Kosten-Nutzen-Analyse wird bei der 5D Mark IV gleich zu Anfang auf eine harte Probe gestellt: Mit einer UVP von 4065 Euro setzt Canon seine ambitionierte Preispolitik fort und errichtet eine deutliche Hemmschwelle. Für diesen Preis darf man dann schon einiges erwarten:

 

In punkto Auflösung hat Canon mit 30,4 Megapixel (6720 x 4480 Pixel) im Vergleich zum Vorgängermodell 5 D III nochmal 8 Megapixel zugelegt. Erfreulicherweise ist trotz der höheren Auflösung das neue Modell rauschärmer als sein Vorgänger. Bei der 5D III waren ISO 3200 das Limit, darüber war das Bildrauschen für großformatige Ausdrucke grenzgängig. Mit der 5D IV kann man ähnlich wie bei der 1 DX II, die allerdings nur 20 Megapixel hat, relativ problemlos bis ISO 6400 gehen. Leichtes Farbrauschen lässt sich in der Nachbearbeitung beherrschen und motivabhängig sind auch höhere Isowerte mit sehr ordentlicher Abbildungsleistung möglich. Jeder Tierfotograf wird beim Einsatz langer Brennweiten oder bei lichtschwachen Situationen die ISO-Reserven zu schätzen wissen. Auch gegenüber einer 5 DS/R mit 50 Megapixel sehe ich aufgrund des besseren Rauschverhaltens für die 5D IV ein größeres Einsatzgebiet. Die hohe Auflösung verzeiht allerdings keine Fokussierfehler und erfordert optisch hervorragende Objektive.

Endlich hat Canon auch den Dynamikumfang erweitert und wieder den Anschluss an die Konkurrenz gefunden. Nikon, Sony und Pentax hatten diesbezüglich bisher deutlich bessere Kamerasensoren, was einige Canon-Fotografen während der langen Wartezeit sogar zu einem Systemwechsel veranlasst hat. Bei kontraststarken Motiven kann man jetzt auf die hellen Bildbereiche belichten, um die Zeichnung zu erhalten und nachträglich am Rechner die Tiefen aufhellen. Mindestens drei bis vier Belichtungsstufen lassen sich die Tiefen aufhellen, ohne dass das Farbrauschen relevante Einbußen bei der Bildqualität liefert. Eine erfreuliche und absolut notwendige Entwicklung aus dem Hause Canons.

Die Original-Raw-Dateien aus der Kamera haben etwa30 bis 35 MB, die daraus resultierenden Tiff-Dateien mit 8-Bit Farbtiefe liegen bei rund 85 MB. Werden bei der Bildbearbeitung mehrere Ebenen benötigt, ist ein leistungsstarker Rechner Voraussetzung, um die Datenmengen in erträglicher Zeit zu verarbeiten. Für die Raw-Datei der 5D Mark IV gibt es von Adobe nur noch Raw-Konverter für die Cloud-Version von Photoshop oder Lightroom. Will man die Fotos Internet-unabhängig bearbeiten, kann man die Dateien in das DNG-Format konvertieren und in die Adobe-Software übernehmen oder man weicht auf andere Software aus (z.B. die Freeware Raw-Therapee etc.). Die von Canon mitgelieferte Software Digital Photo Professional 4 hat mich persönlich nicht überzeugt, die Entwicklungsmöglichkeiten der Raw-Datei sind zu rudimentär und verlangsamen meinen gewohnten Workflow. Die Software ist allerdings notwendig, um die Dual Pixel Raw-Dateien zu bearbeiten. Hierbei werden zwei Teilbilder in einer Datei gespeichert (rund 65 MB), um nachträglich noch die Schärfeebene verschieben zu können und Bokeh oder Geisterbilder zu beeinflussen. Ich fasse mich zu diesem Thema kurz: Ein interessanter Ansatzpunkt für die Zukunft, meiner Meinung nach steckt das Ganze aber noch in den Kinderschuhen und bedarf weiterer Entwicklung. In der Praxis ist die minimale Schärfeverlagerung vernachlässigbar und die Nachteile überwiegen: Doppelte Raw-Datei-Größe (und damit halbierte Serienbildrate), reduzierter Bildkontrast und zeitaufwendige Bearbeitung. Bei meinen Fototouren habe ich die Dual Pixel Raw-Einstellung deaktiviert, allenfalls bei Makroaufnahmen werde ich Bokeh-Verschiebung und Ghosting als Gestaltungsmittel weiter testen.

Sehr positiv finde ich, dass das überzeugende Bedienkonzept und die hervorragende Ergonomie des Vorgängermodells 5D III mit den Direktzugrifftasten weitestgehend übernommen wurden. Bei entsprechender Tastenbelegung ist eine Einhandbedienung der Kamera möglich. Neben dem Multicontroller ist ein neuer, zusätzlicher Schalter angebracht, der mit verschiedenen Funktionen belegt werden kann. Damit ich bei Bedarf blitzschnell den Autofokusbreich ändern kann ohne die Kamera absetzen zu müssen, habe ich den Schalter mit dieser Funktion belegt. War mir die 5D III schon „in die Hand gewachsen“, trifft dies ganz sicher auch auf dieses Modell zu.

Wichtig bei dieser Kamera ist für mich das relativ schlanke Design, den fehlenden Batteriegriff sehe ich als klaren Vorteil. Gerade als Naturfotograf ist man oft längere Zeit im Gelände unterwegs und muss auch weitere Strecken zu Fuß zurücklegen. Jedes Gramm Gepäck weniger zählt. Mit rund 900 g Gewicht (incl. Akku und Speicherkarten) ist die Kamera spürbar leichter als die1 DX II mit gut 1500g. Im Photorucksack nimmt die 5D IV deutlich weniger Platz weg und ist gut zu verstauen. Ebenso bei Flugreisen ist dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil! Ich fotografiere auch sehr gerne Blumenmakros, ein Batteriegriff würde dabei den oft notwendig niedrigen Kamerastandpunkt verhindern. Für die meisten Situationen sehe ich keine Notwendigkeit, das zusätzliche Gewicht mitzuschleppen und bei Bedarf kann ein zusätzlicher Batteriegriff nachgerüstet werden.

 

Ein nicht zu unterschätzendes Detail ist der Silent-Modus der 5D IV: Bei Säugetieren oder scheuen Vogelarten ist der kaum hörbare Verschluss ein großer Vorteil gegenüber einer 1 DX II. Ich habe früher die bei uns extrem scheuen Graureiher mit der älteren Canon 7D fotografiert, die keinen Silent-Modus hat und das „Hacken“ beim Auslösen der Kamera hat die Reiher meist sofort in die Flucht geschlagen. Das kaum hörbare Auslösegeräusch der 5D III bzw. nun auch der 5D IV hat mich bisher noch nie verraten und ist für die Tierfotografie sehr willkommen. Mit 3 Bildern pro Sekunde ist die Geschwindigkeit in diesem Modus akzeptabel. Bei schneller Reihenaufnahme schafft die 5D IV bis zu 7 Bildern pro Sekunde (21 Bilder in Folge), das ist für die meisten Fälle ausreichend und der 5DS/R (3 Bilder pro Sekunde) deutlich überlegen. Betrachtet man die 14 Bilder pro Sekunde bei der 1DX II, werden gewisse Wünsche wach, aber man darf hier die geringere Bildauflösung von 20 Megapixeln nicht vergessen.

 

Neu ist das Touchdisplay mit 1,62 Mio. Bildpunkten, eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Vorgänger bzw. der 5DS/R (1 Mio. Bildpunkte). Setzt man die Lupenansicht ein, profitiert man spürbar von dieser Zunahme und kann die Bildschärfe wesentlich präziser beurteilen. Ohne Einschränkungen wie beim Spitzenmodell 1 DX II lassen sich mit dem Touchdisplay im Liveview bequem und exakt der Autofokus setzen, Einstellungen verändern, durch die Fotos blättern oder auch Videos schneiden. Fehlt eigentlich nur das schwenkbare Klappdisplay, um z.B. bodennahe Aufnahmen zu erleichtern. Wirklich nachvollziehbar ist es nicht, dass dieses wichtige Detail vernachlässigt wurde. Aber Canon wird damit wohl Kaufanreize für ein Nachfolgemodell aufheben wollen…

Neu in der 5er Reihe ist auch der Dual Pixel Autofokus. Die Pixel sind geteilt und ermöglichen über eine Abstandsmessung von leicht versetzten Positionen eine direkte Ansteuerung des Objektiv-Autofokusmotors. Der kontinuierliche Autofokus im Liveview kann nun auch im Serienbildmodus (4 Bilder pro Sekunde) genutzt werden. Die Autofokusempfindlichkeit ist hier mit beachtlichen -4 EV noch eine Stufe empfindlicher als im Sucherbetrieb und arbeitet äußerst exakt. Ist das Motiv per Fingerdruck auf das Display erfasst worden, regelt die Schärfenachführung den Rest. Dieser Komfort stellt die 5 D IV noch vor das Flaggschiff 1 DX II oder die 5 DS/R.

 

Weitere interessante Neuheiten: In der Kamera sind verschiedene Bildstile einstellbar. Der neue Bildstil FineDetail liefert meines Erachtens die besten Bildergebnisse ab. Der Bildwirkung erscheint schärfer und kontrastreicher.

 

Da ich i.d.R. keine Videos mache, habe ich diese Funktion nicht eingehend getestet. Interessant ist aber die Möglichkeit, aus den 4K-Videos Einzelbilder mit 8,8 Megapixel zu extrahieren. Dies entspricht einem Serienbildmodus von bis zu 30 Bildern pro Sekunde, was für extrem schnelle Abläufe ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

 

Zusätzlich kann die jetzt integrierte GPS-Funktion aktiviert werden und die Kamera speichert die Geodaten des Aufnahmeortes in den Exif-Daten. Die aktivierte GPS-Funktion verbraucht allerdings deutlich mehr Strom.

 

FAZIT

Canon ist mit der 5D Mark IV eine hervorragende Kombination aus Auflösung, Rauschverhalten, Dynamik und Schnelligkeit gelungen. Der präzise low-light-Autofokus in Verbindung mit dem funktionalen Touchdisplay und den zusätzlichen Neuerungen machen die 5D Mark IV für mich zum derzeit besten Kameramodell aus dem Hause Canons. Die umfassenden Allroundfähigkeiten der Kamera überzeugen und dürften Naturfotografen in fast allen Situationen zufrieden stellen.

 

Steckbrief zur Canon 5D Mark IV:

  • Sensorgröße 36 x 24 mm
  • Isobereich 100 – 32000, erweiterbar auf 50 - 102400

  • Abmessungen (HxBxT) ca. 151 x 116 x 76 mm

  • Gewicht 890 g

  • 61 Messfelder (AF-Funktion bis f8), 21 Kreuzsensoren

  • AF funktionstüchtig bis – 3 EV (Live View -4 EV)

  • Nachführautofokus im Liveview

  • 2 Kartenslots (1 CF, 1 SD-Karte UHS-I kompatibel)

  • 100% Bildausschnitt bei 0,71 facher Vergrößerung

  • WiFi-Funktion (auch für Video)

  • Langzeitbelichtungs-Timer, Zeitraffer, HDR, Mehrfachbelichtungen

  • zweiachsige Wasserwaage im Sucher einblendbar

  • GPS (3 Satellitensysteme: USA, RUS, JPN)

  • 4k-Video bis 30p, Full-HD bis 60p, HD bis120p, HDR-Video

  • Anschluss für Kabelauslöser auf der Kamera-Vorderseite

  • Anschlüsse: Blitzsynchronisationsbuchse, Mikrofon- und Kopfhörerbuchse (3,5 mm Stereoklinke), HDMI-out, USB 3.0 Schnittstelle