Praxistest Canon EOS 90D – 32 Megapixel im APS-C-Format

Mit der EOS 90D hat Canon ein hochinteressantes Hybrid-Modell geschaffen. So stehen mit über 32 Megapixeln, einem erstklassigen Prismensucher, der schnellen Serienbildgeschwindigkeit und einem 45-Punkt-Autofokus viele Vorteile einer digitalen Spiegelreflexkamera zur Verfügung.

Zugleich lässt sich die EOS 90D auch mit den Eigenschaften einer spiegellosen Systemkamera nutzen:

Ein dreh- und schwenkbares Touchdisplay mit Live-View-Modus und cleverem Bedienkomfort sowie ein leistungsfähiger, fast flächendeckender Dual-Pixel-Autofokus. Mit der bewährten Ergonomie der Canon-Bodies und einer übersichtlichen Menügestaltung hat der Fotograf eine leistungsfähige Kamera in der Hand.

Der erstmalig entwickelte Kamerasensor mit 6960 x 4640 Pixel der EOS 90D hat sofort mein Interesse für die "Neue" geweckt. 32,5 Megapixel im APS-C-Format sind ein Spitzenwert in der Auflösung! Mit der Brennweitenverlängerung von 1,6 und einem 400er f/2,8 sind damit effektiv 640mm bei einer Anfangsöffnung von nur 2,8 möglich und das mit einer in diesem Kamera-Segment noch nie dagewesenen Auflösung!! Das eröffnet fotografische Möglichkeiten, die richtig Spaß machen. Motiv-Freistellung oder Verdichten des Vorder- bzw. Hintergrunds sei unter diesem Aspekt nur als Stichwort genannt.

 

Bei dieser hohen Pixelanzahl auf dem Chip stellt sich natürlich die Frage, wie es mit dem Bildrauschen aussieht. Erfreulicherweise hat Canon dieses Problem erstaunlich gut gelöst und das Rauschverhalten des Sensors ist auf einem sehr guten Niveau geblieben. Ab etwa ISO 1000 bis ISO 2000 macht sich das Bildrauschen zwar zunehmend bemerkbar, lässt sich per EBV aber recht gut beherrschen. Mit steigenden ISO-Zahlen nimmt dann die Detailtreue etwas ab, das Bild wird weicher und verliert an Brillanz. ISO-Werte zwischen 100 und 25.600 lassen sich standardmäßig einstellen, eine Erweiterung bis 51.200 ist möglich.

Optischer Sucher contra Liev-View

Ich persönlich arbeite vor allem in der Tierfotografie sehr gerne mit dem optischen Sucher, da mir das Seherlebnis einfach besser und realistischer erscheint als bei einem elektronischen Sucher. Gerade wenn Geduld gefordert ist und man während längerer Wartezeiten nur beobachtet, ist vorteilhaft, den optischen Sucher nutzen zu können ohne den Kamera-Akku zu belasten. Auch bei schnellen Schwenks ist die Qualität des optischen Suchers noch unerreicht. Bei 100 Prozent Bildfeldabdeckung und 0,95-facher Vergrößerung bietet der angenehm helle Sucher 45 AF-Kreuzsensoren. Der Autofokus greift in den allermeisten Fällen sehr schnell und zuverlässig. Bei bodennahem Arbeiten oder wenn man das AF-Tracking nutzen möchte, erleichtert ein Wechsel auf das drei Zoll große, dreh- und schwenkbare Display mit 1,04 Millionen Bildpunkten und 90 Prozent Bildfeldabdeckung die Scharfstellung. Die AF-Punkte werden in 143 Bereiche zusammengefasst. Hat man über das Display ein Objekt fixiert, folgt der Autofokus dem Objekt selbstständig. Sogar bei fliegenden Vögeln funktioniert dies meistens recht treffsicher, Dual-Pixel-Autofokus macht es möglich. Sogar bis zu 11 Bilder pro Sekunde schafft die Kamera bei Verwendung des Live-Views, mit optischem Sucher noch zehn Aufnahmen pro Sekunde. Insgesamt lassen sich bis zu 30 RAW-Aufnahmen hintereinander aufnehmen, im JPG-Modus sogar 60 Aufnahmen, was für die meisten Fälle wohl ausreichend sein wird.

Ergonomie und Handhabung

Der Kamerabody ist glücklicherweise nicht zu klein geraten und liegt wirklich gut in der Hand. Die Gummierung an den wichtigsten Haltepunkten gibt einen sicheren Halt. Eine durchdachtes Bedienkonzept und die Canon-gewohnte Menüstruktur erleichtern dem Canon-User schon beim ersten In-die-Hand-nehmen das Zurechtfinden ohne sich langwierig in die Bedienungsanleitung Einlesen zu müssen.

Die Ausstattung der Kamera kann sich sehen lassen. Das Kameragehäuse ist spritzwassergeschützt. Im Schulterdisplay werden alle wichtigen Aufnahmedetails angezeigt. Für Aufnahmen in der Nacht lässt sich das Display beleuchten. Die Bedienelemente sind an den richtigen Stellen positioniert und erlauben eine effektive Einhandbedienung der Kamera. Mit die wichtigste Taste ist die Quickview, oder abgekürzt Q-Taste, auf der Rückseite der Kamera, über die sich praktisch alle wesentlichen Aufnahmefunktionen ansteuern lassen. Dazu gibt es noch einen Joystick, über den der AF-Punkt sowohl über den Sucher wie über das Display ausgewählt und verschoben werden kann. Auch zur Navigation durch das Menü lässt sich der Joystick nutzen. Die Tastenbelegung ist weitgehend individuell konfigurierbar und erlaubt es, seine persönlichen Vorlieben bei der Kameraeinstellung umzusetzen.

Mit einem kleinen Schaltring neben dem Sucher auf der Kamerarückseite erfolgt die Umstellung in den Videomodus. Der Knopf innerhalb des Ringes startet die Videoaufnahme bzw. aktiviert im Fotomodus den Live-View, alles in Reichweite des Daumens für eine praktische Einhandbedienung. Auch mit dünnen Handschuhen lässt sich die Kamera recht gut bedienen. Jeder, der schon im Winter oder bei kälteren Bedingungen Fototouren unternommen hat, weiß das zu schätzen.

Ausstattung

Eine elektronische Wasserwaage ist als Kamerasymbol einblendbar. Kleine Striche neben der Kamera zeigen an, ob die Kamera waagrecht bzw. verkantet ausgerichtet ist. Im Live-View ist auch eine genauere Anzeige der Neigung wie bei der 5D Mark IV zu sehen. Schade ist, dass der Kamera nur ein SD-Kartenslot (UHS-II kompatibel) spendiert wurde. So entfällt die Möglichkeit, kameraintern eine Sicherungskopie wichtiger Aufnahmen zu erstellen oder die zweite Karte als Überlauf zu nutzen. Sehr praktisch finde ich allerdings, dass die Kamera den LP-E6N als Akku verwendet. Dieser Akku findet bei einigen der gängigen Canon-Modelle Verwendung, so dass deren Kamerabesitzer die Akkus weiterwenden bzw. durchtauschen können. Bis zu 1300 Aufnahmen sind mit einer Akkuladung möglich, bei Verwendung des Live-View entsprechend weniger.

 

Ein eingebauter Blitz mit Leitzahl 12 ermöglicht Aufnahmen auch bei Dunkelheit auf kurze Distanzen, wenn mal kein vollständiges Blitzequipment dabei ist. Für Brillenträger ist am optischen Sucher eine praktische Dioptrienkorrektur zwischen -3 und +1 Dioptrien angebracht. Makrofans dürften sich bei der Canon EOS 90D auch über das Fokus-Bracketing freuen: Man kann die Anzahl der Aufnahmen vorgeben, die man hierzu machen möchte (max. 999) und anhand einer Skala von 1 bis 10 legt man den Fokusabstand fest. Für die Aufnahmen des Fokus-Bracketing besteht die Möglichkeit, diese in einen separaten Ordner zu speichern.

Bei Intervallaufnahmen lässt sich die Anzahl bis 99 Aufnahmen vorgeben bzw. auf unbegrenzt einstellen.

 

Dank WLAN lässt sich das Kamerabild mittels Canon-Connect-App übertragen. Eine Buchse für den Kabelauslöser ist vorhanden. Auch Bluetooth, HDMI-Anschluss und ein micro-USB-Ausgang stehen zur Verfügung. Mit einer Dateigröße von rund 38 MB im RAW-Format hoher Auflösung lassen sich die Fotos mit den meisten PC´s ohne Probleme verarbeiten.

 

Videofunktion

Die Video-Funktionen habe ich nicht getestet, daher die wichtigsten Funktionen hier nur in Kürze: Ohne Crop sind UHD-Videos mit bis zu 30 B/s möglich, in Full-HD können Videos bis zu 120 B/s aufgenommen werden. Ein Intervall-Timer, 4K-Zeitraffer und HDR-Modus vervollständigen die Ausstattung. Über einen 3,5 mm Klinkenstecker kann ein externes Mikrofon angeschlossen werden.

 

FAZIT

Mit der EOS 90D hat Canon ein sehr interessantes Modell auf den Markt der ASP-C-Kameras gebracht.

Durch die Brennweitenverlängerung und den Tracking-Modus ist die Canon EOS 90D gerade für die Tierfotografie geeignet und auch als Zweitkamera eine geeignete Ergänzung für Vollformat-Fotografen. Durch das Schwenkdisplay werden aber auch eingefleischte Makrofotografen ihre Freude an der Kamera haben. Auch wenn ein zweites Kartenfach fehlt und die Kamera bei höheren ISO-Zahlen nicht an die Vollformat-Qualität heranreicht, ist sie dennoch eine hervorragend ausgestattete Kamera mit vielfältigen und interessanten Einsatzmöglichkeiten in der Naturfotografie.

 

Technische Daten:

Sensorgröße: 22,3 x 14,8 mm

Pixel: 6960 x 4640

Gewicht: ca. 700 g

Bildprozessor: Digic 8

ISO: 100 - 25.600

Verschlusszeiten: 30 s - 1/8000s, elektronischer Verschluss: bis zu 1/16000

Blitzsynchronisationszeit: 1/250 s

WLAN, Bluetooth

Straßenpreis: ca. 980 Euro (Stand April 2020)