Schneeschuhtour Schönalmjoch (1986 m) mit Übernachtung am Gipfel

Frühmorgens trete ich die lange Fahrt ins Karwendel an. Diesmal habe ich mir was Besonderes vorgenommen: Ich will im Winter auf einem Berggipfel übernachten! Als angenehmer Nebeneffekt bin ich dann bei Sonnenuntergang und Sonnenaufgang schon vor Ort und kann das beste Licht zum Photographieren nutzen. Außerdem will ich mich nachts an meinen ersten Startrail-Aufnahmen versuchen. Mit Winterausrüstung (kleines Zelt, Isomatte, Bekleidung, Winterschlafsack, Kocher (zum Schneeschmelzen) Fotoausrüstung (2 kleine Reisestative, 2 Kameras, Akkus etc.) und Schneeschuhen wiegt mein Rucksack dann 26 kg! (urgs… mehr als ein Drittel meines eigenen Körpergewichtes. Aber wie heißt es so schön: Gelobt sei, was hart macht…).

Ausgangspunkt ist der Parkplatz in Hinterriss. Der Wettergott ist mit mir und die Sonne lässt die weißen Karwendelgipfel im schönsten Licht erstrahlen. Da kann einem schon das Herz aufgehen, ein echter Genuss beim Schauen. Es ist Freitag, daher bin ich mir relativ sicher, dass ich am Gipfel nicht mit dem Wochenendansturm der Tourengeher zu rechnen habe und die Natur weitgehend unberührt vorfinden werde. Diese Tour habe ich schon lange im Kopf und endlich passen die Bedingungen. Ich bin alleine unterwegs, denn Claudia kann sich leider für mein Kälteabenteuer nicht so erwärmen, obwohl oder vielleicht gerade weil sie mit mir schon bei -18°C im Zelt übernachtet hat…

Um 10 Uhr 40 schultere ich mein Gepäck und mache mich auf den Weg.

Meinen Tragegestellrucksack habe ich schon in den entlegenen Nationalparks Norwegens getestet, damals war ich mit gut 30 kg unterwegs, daher weiß ich, dass der Rucksack auch über längere Zeit relativ angenehm zu tragen ist (soweit das bei diesem Gewicht überhaupt möglich ist). Irgendwie drückt mich der Rücksack trotzdem ganz schön in den Boden, aber nur in ihm kann ich das voluminöse Wintergepäck und die Fotoausrüstung überhaupt unterbringen. Alleine schon das Hochwuchten auf den Rücken ist ein Spaß… Wie lange liegt das mit Norwegen zurück, war ich da wirklich soviel jünger?? Oder ist der Schnee einfach zu weich oder vielleicht hätte ich doch die zweite Kamera und das zweite Stativ zu Hause lassen sollen? Aber wenn ich dann schon mal unterwegs bin, will ich auch möglichst zwei Startrail-Aufnahmen machen können. Außerdem ist es ja ein gutes Training…

Zuerst habe ich noch den leichten Teil vor mir: die Forststraße lässt sich gut ohne Schneeschuhe begehen, der Schnee liegt nicht allzu hoch. Unterwegs treffe ich den Förster, der den Weg mit dem Jeep herabgefahren kommt. Er hält für eine kurze Unterhaltung an und erzählt mir, dass er im Revier nach dem Rechten gesehen hat. (Bei dem schönen Wetter scheint mir das der Traumjob schlechthin zu sein… Aber sicher gibt´s auch da jede Menge Bürokratie.) Er fragt mich, wo ich übernachten will (sieht man anscheinend schon an der Fülle meines Gepäcks!) und verabschiedet sich mit: „Wirst Dich ja eh auskennen!“ Tatsächlich war ich hier schon mal vor acht Jahren mit Claudia unterwegs bei einer Schneeschuhtour. Damals hat mich die Landschaft hier so in den Bann gezogen, dass ich diesen Berg ein zweites Mal im Winter begehen will. Aber diesmal hat es weniger Schnee und es ist auch nicht so kalt wie damals, als uns das Wasser in den Feldflaschen gefroren ist. Lernfähig wie ich bin, habe ich seitdem immer eine Thermosflasche im Winter dabei. Das Vergnügen ist nur begrenzt, wenn beim Trinken unweigerlich der Gedanke an den Zahnarzt wachgerufen wird... Diesmal bin ich jedenfalls gerüstet und genieße meinen heißen Magnesiumdrink. In der Sonne wird es doch ziemlich warm und das Trinken ist eine echte Wohltat. Jeder Stopp (zum Trinken oder Photographieren) ist allerdings mit einem unangenehmen Absetzen des Ruchsacks verbunden und mit jedem Mal wird das Aufnehmen und Hochwuchten des Rucksackes anstrengender, so dass jeder Photostopp gut überlegt sein will.

Als die Route nicht mehr über den Forstweg weitergeht und ich auf den Pfad im Wald wechsle, lege ich die Schneeschuhe an. Die Schneelage ist inzwischen hoch genug und der Rücksack wird dadurch ein Stück leichter. Dem mörderischen Gewicht des Rucksackes muss ich langsam Tribut zollen. Die Steigung des Hanges nimmt zu und der Schnee ist Bruchharsch der übelsten Sorte. Trotz Schneeschuhen breche ich fast pausenlos knietief ein und rutsche in dem darunter liegenden grundlos tiefen Pulverschnee ab wie auf Schmierseife. Dabei immer und immer wieder das Gewicht des Rucksacks auszupendeln und nicht unkontrolliert auf eine Seite zu fallen, ist absolut anstrengend. Es ist völlig unberechenbar, wann ich mit den Schneeschuhen einbreche oder wann einer oder beide Skistöcke plötzlich einen halben Meter im Schnee wegsacken. Jeder Schritt in dem steilen Gelände wird zur Belastungsprobe. Ich muss mich wirklich zusammenreißen, um meine Konzentration aufrecht zu erhalten. Ein „Haxenbrecher“ in dem Steilgelände, die Hänge haben streckenweise bis zu 40°, ist das letzte, was ich brauche. Bis morgen kommt hier sicher niemand mehr vorbei, die Nacht wird kalt und Handyverbindung gibt es nicht mehr… Ich bin echt tilt, als ich an den Fuß des letzten Gipfelhanges komme. Ich habe zwar regelmäßig Traubenzucker zu mir genommen, um keinen Unterzucker zu bekommen, aber der schwere Rucksack und die ruckartige einseitige Belastung bei jedem Einbrechen hat mich physisch langsam aufgerieben. Jeder Schritt nach oben wird begleitet vom unweigerlichen Zurückrutschen im Pulverschnee, gefühlsmäßig laufe ich den Berg mindestens zweimal rauf… Jetzt noch mal das Stativ aufzubauen um ein paar Selbstauslöserphotos zu machen grenzt fast schon an Masochismus, muss aber sein, später bin ich froh um jedes Photo.

Die letzten 200 Höhenmeter sind von der Schneebeschaffenheit deutlich besser, ich breche nicht mehr so tief ein und durch die geringere Hangneigung rutsche ich auch nicht mehr ab. Trotzdem bin ich körperlich ziemlich am Limit, als ich um 16 Uhr 40 endlich den Gipfel erreiche. Wahnsinn, für 1060 Höhenmeter habe ich ganze 5 Stunden gebraucht!! Und dabei haben die letzten 200 Höhenmeter auf den zum Greifen nahen Gipfel noch mal alle meine (restlich) vorhandene Disziplin benötigt. Selten, dass meine Beine so schwer waren! (Unglaublich, was ein gut gefüllter Rucksack und ein bisschen Schnee mit einem so anstellen können).

Aber dafür ist die Aussicht fantastisch! Die Rundumsicht auf die schneebedeckten Berggipfel löst ein echtes Hochgefühl nach der Plackerei in mir aus. Die Wetterstimmung ist herrlich, die Sonne scheint und ein paar schöne Wölkchen zieren den Himmel. Der Gipfel des Schönalmjochs zeigt keine Spuren von früheren Besteigungen und eine schöne Schneewächte drängt sich für ein Photo fast auf. Ohne Wind lässt es sich gut aushalten und drum mache eine kleine Photosession. In meinem körperlichen Zustand ist das aber fast schon Schwerstarbeit, ich bin echt ausgepowert. Allzu viel Zeit bleibt mir vor dem Dunkel werden sowieso nicht mehr. Ich muss den Platz zum Schlafen etwas einebnen, mein Zelt aufstellen und vor allem Schnee zum Trinken schmelzen. Der Liter aus der Thermosflasche ist längst verbraucht und ich habe wirklich Durst. Eine gute Gelegenheit, meinen neuen Gaskocher einzuweihen. Ich mache mir einen ausreichend großen Vorrat zum Trinken, nebenbei bin ich am Photographieren und bereite die Startrail-Aufnahmen vor.

Nach Sonnenuntergang wird es ziemlich schnell kalt, darum lege ich mich in den Schlafsack und gönne mir die Brotzeit. Gleich nach der Ankunft am Gipfel war ich eh schon drüber, da hätte ich nichts runter gebracht, aber jetzt bekomme ich Hunger. Ich bunkere rein, was geht, denn morgen muss ich mit dem Gepäck wieder runter und dazu brauche ich alle Kräfte. Dieses Gewicht bergab beim Einbrechen auszubalancieren, davor graut mir jetzt schon. Aber vielleicht hält in den Morgenstunden die Schneeschicht besser, wenn sie durch die Sonne noch nicht so aufgeweicht ist. Nachts habe ich zwei Startrails laufen lassen. Es kostet schon Überwindung, sich aus dem warmen Schlafsack in die kalte Nacht zu quälen, aber für diese Aufnahmen bin ich u.a. ja auch heraufgekommen. Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass ich hier meine ersten Startrailaufnahmen ziemlich vergeigt habe. Gleich mehrere Fehler sind mir unterlaufen, so dass ich mit dem Ergebnis alles andere als zufrieden bin. (Demnächst werde ich einen eigenen Startrail-Artikel schreiben, es muss ja nicht jeder alle meine Fehler wiederholen… Der einzige, aber wirklich große Vorteil dieses Versuches war jedoch, dass ich daraus gelernt habe und bei meinen Folgeversuchen die Startrails meinen Vorstellungen entsprechend umsetzen konnte). Im Nachhinein erscheint mir die Nähe zu München mit den vielen Flugzeugen am Himmel nicht optimal für eine Startrailaufnahme, ich empfinde die Flugzeuglichter als störend am Photo. Lässt man das ganze als Video ablaufen, ist es als zusätzliches Element vielleicht gerade noch zu tolerieren, aber im Photo sind die Flugzeuge einfach nur störend. Die Akkus der Kameras laufen bei dieser Kälte auch nur maximal 2 Stunden, was die Länge der Sternbahnen natürlich begrenzt. Da ich die Kameras nicht die ganze Nacht der Kälte aussetzen will, muss ich noch mal raus und hole sie ins Zelt.

Die Nacht ist mit -5°C einigermaßen angenehm, am meisten stört mich nur meine kalte Nasenspitze am frühen Morgen, die außerhalb des warmen Schlafsackes bleiben muss. Irgendwann muss ich mir mal einen individuell angepassten Nasenspitzenwärmer basteln, das ist beim Schlafen in großer Kälte nämlich immer unangenehm.

In der Frühe kann ich mich gerade noch rechtzeitig aufraffen, den Schlafsack zu verlassen, um den Sonnenaufgang hinter der nächsten Bergkette festzuhalten. Zu schade, wenn ich das verpasst hätte. Wirklich ein magischer Moment, allein das war es wert, hier heraufzusteigen. Das Licht kurz nach Sonnenaufgang ist einfach unbeschreiblich, ich weiß nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Das ist einer der Momente, die einem dauerhaft im Gedächtnis bleiben!

Wenn ich näher bei den Alpen wohnen würde, wäre ich sicher viel öfter in dieser Weise unterwegs. Nachdem ich ausgiebig meiner Photoleidenschaft nachgegeben habe, mache ich mich daran, meine Sachen zu packen. Um 8 Uhr 40 bin ich ohne Frühstück auf dem Rückweg. Die kalte Nacht hat die Oberfläche des Schnees gut zusammengebacken und die Sonne ist noch nicht stark genug, so dass ich wie erhofft, auch mit meinem schweren Gepäck nicht allzu oft einbreche und ohne große Probleme die steilen Hänge hinab komme. Trotzdem ist natürlich volle Konzentration notwendig. Nur einmal falsch umknicken mit den Gewicht am Rücken und schon ist der Spaß vorbei. Mit 5 Minuten Photopause erreiche ich in 2 Stunden das Auto. Der Rucksack fehlt mir nicht wirklich, als ich ihn endlich los bin! Nachdem ich mich gestern wegen dem fehlenden Netz nicht mehr bei Claudia melden konnte, schicke ich ihr nun eine kurze Nachricht, dass ich gut zurück bin und per MMS ein Gipfelphoto, das mich heute noch völlig begeistert und an dieses schöne Erlebnis erinnert.

Beim Frühstück am Auto komme ich zu dem Schluss, dass diese Tour eindeutig Suchtpotenzial hat…

 

 

04./05.03.2011